25.11.2014

Weiter im Text - 15 Jahre später

Drehen wir das Rad mal ins Jahr 1999 zurück. Nein, wir machen das nicht um Aktien zu kaufen und reich zu werden, sondern um uns vielleicht ein wenig schlauer zu machen.

1999 also. Damals war ich 19, hoffnungvoller angehender Schriftsteller und hatte im Rahmen von Weiter im Text meine erste Lesung vor Publikum. Ich glaube ich habe "Der blaue Stern" gelesen, eine Kurzgeschichte aus einem russischen Gulag. Und konnte nichts mit dem anfangen, was die anderen so geschrieben haben.
Die Mädchen: Texte ohne echten Anfang und echtes Ende, die jeden Schulpsychologen glücklich machen.
Die Jungs: Fantasy und SciFi.

Seitdem hat sich eine Menge geändert. Dabei sind die Texte immer noch die selben. Klar haben Harry Potter, die Tribute von Panem und andere aktuelle Literatur, von der ich keine Ahnung habe, ihre Spuren hinterlassen, aber das Verhältnis von Drama, SciFi und Humor ist immer noch das gleiche. Auch die literarische Qualität, was immer das auch sein mag.

Aber: Ich saß heute nicht vorne am Lesepult sondern in den Zuschauerreihen und konnte den Abend genießen. Ich konnte diesen Teenagern zuhören und in der gemeinsamen Leidenschaft baden. Mich über den Applaus freuen, manchmal mitleiden. Und ich kann euch sagen, Literatur ist sexy. Nach wie vor. Oder mehr denn je.

19.11.2014

Film School Fest München: Karrotten und andere Verrückte

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit. Ich glaube so ziemlich das mieseste Verhältnis von Aufwand und Ergebnis hat ein Stop-Motion-Animationsfilmer. Kaum arbeitet man 4 Monate an einem Film (Vorbereitung und Post Production nicht mitgerechnet), schon hat man 9 Minuten zusammen (inklusive Titel und Nachspann).
Ich hab mir gestern 5 Kurzfilme beim Film School Fest München angeschaut und muss sagen: Hut ab vor so viel Masochismus Begeisterung. Denn natürlich hat man nicht nur als Animationsfilmer mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen.

"The Arrest" von Yair Agmon erzählt die Geschichte eines arabischen Soldaten, der mit seiner Einheit einen verdächtigen Juden aus dessen Elternhaus holen soll. Anfangs ist es ihm unangenehm in die Familienidylle einzudringen, noch dazu, weil der Vater behauptet, dass der gesuchte Sohn schon lange nicht mehr bei ihnen lebt, aber als sich das als Lüge herausstellt, wird er gewalttätig.
Aber halt, der arabische Soldat ist nur ein Schauspieler und es geht eigentlich um den Regisseur, der im Krieg traumatisiert wurde und das in seinen Filmen verarbeitet.
Ich habe erstmal nur verstanden, dass hier die Rollen Unterdrücker / Opfer bzw. Staatsgewalt / Täter vertauscht wurden aber mehr auch nicht. Im Interview mit dem Regisseur wurde klar, dass man den Film in Israel völlig anders sieht: bei einer Vorführung vor arabischem Publikum war er ein großer Lacherfolg, eine schöne Parodie. Vor jüdischem Publikum herrschte hingegen gespanntes Schweigen. Und den Regisseuren, die gern (Anti)kriegsfilme drehen, dürfte er überhaupt nicht gefallen haben.
Außerdem war es eine ziemliche Leistung die Schauspieler dafür zu finden und den Film innerhalb von 2 Wochen zu drehen.

Ja und dann war da noch "Mr. Carrot", der Horrorfilm über eine Karotte, der beim Pokerspiel zusammen mit zwei Freunden aus der Erde gezogen und in eine Gemüse-Fabrik gesteckt wird. Dort soll er zu Essen verarbeitet werden, aber er wehrt sich und am Ende muss er zwar ins Gras beißen, nimmt aber noch die Hand eines Arbeiters mit. Wie schon gesagt: 4 Monate mit Knetmasse arbeiten, Equipment für 800 Euro ausleihen und schon hat man 9 Minuten Film fertig ...


Nachtrag: Für Samstag hatte ich noch einen Platz für die "Award Ceremony" ergattert und kam in den Genuss einer entspannten aber trotzdem feierlichen Veranstaltung. Ich hatte völlig vergessen, auf wie vielfältige Art und Weise man die englische Sprache entstellen kann ... ^___^

Wer ohne Schuld ist werfe den ersten Stein und außerdem hat das nur zum Charme beigetragen. Wenn eine Preisverleihung damit beginnt, dass das Publikum Filmsongs singen muss / darf, kann danach eigentlich nichts mehr schief gehen.
Für einen Filmbranchen-Laien wie mich war es erstaunlich, wer wem für was alles einen Preis verleihen kann. Am einfachsten war vielleicht noch der Preis von Hofbräu - die Beer Trophy - zu verstehen. Gewonnen hat (und das freut den Volkskundler) eine alte Urban Legend, in der ein Professor anhand eines Maßkrugs demonstriert, dass für etwas Bier immer Platz ist (https://www.facebook.com/video.php?v=616899421747605).

Wer sonst noch gewonnen hat, ist hier zu sehen: http://www.filmschoolfest-munich.de/de/profil-iffh/filmschoolfest-2014/preise-2014.aspx

Und jetzt zu meinen "Honorable Mentions", also den Filmen, deren Programmbild und / oder -text mich angesprochen hat (vielen Dank an die Damen und Herren Grafiker und Texter), die zu sehen ich Gelegenheit hatte und die ich gut fand.

Atlantis Real Estate: Hat in der Kategorie Climate Clips gegen Scale verloren, aber es ist halt auch echt schwer gegen einen Cartoon anzustinken. Spontan hat mir Scale auch besser gefallen, aber im Nachhinein verblasst der visuelle Gag etwas während der herrliche Zynismus von Atlantis Real Estate noch nachreift.

Bei The rise and fall of Globosome hat es mich in den Fingern gejuckt nach diesem Intro den Controller in die Hand zu nehmen und das Spiel zu spielen. Nur ist es kein Trailer und es gibt kein Spiel. Och menno ...

Skyline erzählt die Geschichte eines alternden Motorradfahrers, der sich schweren Herzens dazu entschließt seine liebevoll gepflegte Maschine (eine Honda CB 360) zu verkaufen.
Ich weiß nicht genau, was ich an diesem Film mag. Wahrscheinlich das Potential, das noch darin steckt. Man erfährt über die Figuren kaum mehr als was für diesen Kurzfilm notwendig ist und dass am Ende keine Fragen offen bleiben, liegt nur daran, dass keine Fragen aufgeworfen werden. Aber als Zuschauer lauert man auf diese Fragen, auf Anspielungen oder sonstwas, das über eine einfache Abbildung des Lebens hinausgeht. Aber all das kann man sich ja selber ausdenken ...

The Dandelion: Die fabelhafte Welt der Amelie trifft auf Grüne Tomaten und Delicatessen bzw. Dänische Delikatessen. Plus Igel. Plus Occupy-Wall-Street-Attitüde. Da kann man eigentlich nichts falsch machen, oder?

14.11.2014

Der freche Mario 2014

Stell dir vor, du bist Atheist, dein ungetaufter Sohn Mario stirbt und bekommt von den Friedhofsmitarbeitern ein Kreuz auf das Grab gesetzt, "weil man das in Bayern so macht".
Tradition? Sicher ist sicher? Nicht so schlimm?
Nur wenn es auch nicht schlimm ist, Hochwürden auf einem Langschiff zu verbrennen ...

Ich war gestern bei der Verleihung des Frechen Mario in München und ihr ahnt es vielleicht schon: der freche Mario soll an den ungetauften Mario, den Artikel 4.1 im Grundgesetz und noch an eine Menge andere Dinge erinnern. Gestiftet vom Bund für Geistesfreiheit, in diesem Jahr bezahlt vom Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten und unterstützt u.a. von der Giordano Bruno Stiftung. Der Preis zeichnet Kunstwerke (Filme, Bilder, Karikaturen, Objekte) aus, die nach § 166 Strafgesetzbuch als "Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen" gelten können. Ich zitier mal eben:

(1) Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Ebenso wird bestraft, wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) eine im Inland bestehende Kirche oder andere Religionsgesellschaft oder Weltanschauungsvereinigung, ihre Einrichtungen oder Gebräuche in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören.

Drei Jahre sind recht milde im Vergleich zu anderen Gebieten, in denen man Blasphemie gleich an die oberste, göttliche Instanz weitergibt, aber für den BfG untragbar. Für die FDP übrigens auch, wie der Münchner Ortsvorstand gestern erklärt hat. Und für die Piraten.

Und für ca. 33 % der bayerischen Bevölkerung und noch einige Prozente mehr in ganz Deutschland. Atheismus, Agnostizismus und was es da noch so alles an feinen Unterschieden gibt, ist auf dem Vormarsch, aber in der Politik ist das noch nicht angekommen. Das liegt zum einen an den alten Pfründen und Machtstrukturen der Eliten, die nicht so schnell wanken, zum anderen daran, dass man es als Atheist halt auch echt schwer hat. Schließlich glaubt man an nichts (und das auch noch auf verschiedene Weise) und dafür Werbung zu machen ist nicht so lustig wie für den Allmächtigen. Für die meisten ist es auch gar nicht nötig, dafür auf die Barrikaden zu gehen.

Aber Religionsgemeinschaften besitzen Sonderrechte in Deutschland. Sie werden staatlich gefördert, können ihr eigenes Arbeitsrecht durchsetzen und Ethikunterricht zu unmöglichen Zeiten wurde gestern auch angesprochen.

Damit wir uns nicht missverstehen: Ich bin gläubig. Das macht einiges einfacher. Meiner Meinung nach macht das auch ein paar Sachen besser. Aber jeder soll auf das hinweisen dürfen, was durch Religion schlechter wird - auch durch Blasphemie.

Hierzulande sind wir da noch lange nicht so weit. Der § 166 schlummert zwar friedlich vor sich hin, aber während man Religionskritiker in anderen Ländern (mund)tot macht, werden sie hier totgeschwiegen. Vor der Presse war gestern jedenfalls keiner da ...

07.11.2014

Richtig leben 5 - Das Grundgesetz für Deutschland (4)

Schau mal einer an, kaum kommt ein Politikwissenschaftler daher (in diesem Fall war das Falko Blumenthal, der im Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung einen Vortrag zum Thema "Welche Freiheit denn? Widersprüche in den Artikeln 2 – 19 des Grundgesetzes" gehalten hat), schon sehe ich das Grundgesetz ein wenig klarer.
Oder zumindest aus einem anderen Blickwinkel, mit dem ich leben kann. Und das ein oder andere habe ich tatsächlich gelernt:

1. Das Grundgesetz kam nicht aus dem Nichts, sondern vereint die verschiedensten Strömungen, Traditionen und Erkenntnisse, die es nach dem Ende des 2. Weltkriegs gab. Es ist ein Kompromiss mit allen Vorzügen und Fehlern, die Kompromisse halt so haben.

2. Eine der wichtigsten Aufgaben des Grundgesetzes ist es als BIOS für den Staat der Bundesrepublik Deutschland zu dienen. Grundsätzlich hat deshalb nichts darin verloren, was man nicht notfalls vor Gericht durchsetzen kann. Damit unterscheidet es sich von anderen Verfassungen, die vorgeben, wo es hingehen könnte, wenn alles so klappen würde, wie es klappen sollte.

3. Es ist nicht so ganz klar, ob der Staat die Rechte der Bürger schützen oder bestimmen soll, welche Rechte er überhaupt haben darf. Das ist eine harte, philosophische Nuss, für deren Beantwortung man erstmal klären müsste, was ein "Staat" überhaupt ist.

4. Die Freiheit der Kunst, Lehre und Forschung sorgt dafür, dass man in eben jenen Bereichen Sachen machen darf, für die man normalerweise in den Knast kommen würde (juhuu!). Andererseits wurde mit dieser festgeschriebenen Freiheit auch erfolgreich gegen Tariflöhne an Hochschulen argumentiert. Im Sinn von: Du willst frei sein? Dann musst du auch frei von einer vergleichbaren Bezahlung sein ... ja klar.

5. Wenn du dich nicht versammeln sollst, können auch deine Turnschuhe als Waffe gelten ...

6. Artikel 14 wird von manchen als Kern des Grundgesetzes angesehen. Wir leben in einer kapitalistischen Gesellschaft und man könnte argumentieren, dass der Gebrauch von Eigentum immer der Gesellschaft dient. Das Problem sind die Millionen, die ungenutzt auf Konten liegen oder der Gesellschaft eines anderen Landes dienen.

Fazit? Das Grundgesetz ist eine Beta-Version mit zu vielen Patches. Aber es funktioniert.
Gott sei Dank ...

22.08.2014

OCD by Neil Hilborn


Was ich so lese